top of page

Die zwei Gesichter der Scham: Warum der Unterschied heilsam ist


Scham gehört zu den selbstbezogenen Emotionen und entsteht, wenn das eigene Handeln oder das eigene Selbst als nicht ausreichend oder unangemessen bewertet wird. Psychologisch lässt sich Scham vereinfacht in zwei Formen unterscheiden: verhaltensbezogene Scham und wesensbezogene Scham.


Verhaltensbezogene Scham

Verhaltensbezogene Scham bezieht sich auf ein konkretes Tun oder Unterlassen. Nicht das eigene Selbst wird infrage gestellt, sondern eine bestimmte Handlung: „Was ich getan habe, war nicht richtig.“ Diese Form der Scham ist meist situationsgebunden und veränderbar. Sie kann regulierend wirken, Einsicht und Reue ermöglichen, Lernprozesse unterstützen und die soziale Bindung aufrechterhalten.


Wesensbezogene Scham

Wesensbezogene Scham richtet sich nicht auf das Verhalten, sondern auf das eigene Sein. Die Person erlebt sich selbst als fehlerhaft, ungenügend oder beschämend: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Diese Form der Scham ist tiefgreifend und vergleichsweise starr, da sie das Selbstkonzept betrifft. Sie entsteht häufig durch früh verinnerlichte Bewertungen und wiederholte beschämende Erfahrungen.


Warum der Unterschied heilsam ist

Je stärker sich Scham auf das Wesen bezieht, desto belastender wirkt sie psychologisch. Ein zentraler Aspekt therapeutischer Arbeit besteht darin, Scham wieder vom Sein auf das Verhalten zu verschieben. Macht eine Person beispielsweise im Arbeitskontext einen Fehler und reagiert innerlich mit dem Gedanken „Ich bin einfach unfähig“, wird diese Bewertung hinterfragt und differenziert. Der innere Dialog kann sich schrittweise verändern zu: „Ich habe in dieser Situation einen Fehler gemacht.“


So wird nicht mehr das eigene Sein infrage gestellt, sondern ein konkretes Verhalten betrachtet. Die Person bleibt innerlich handlungsfähig; Fehler können reflektiert und verändert werden, ohne dass daraus eine grundlegende Selbstabwertung entsteht.

Kommentare


bottom of page